SASHA HUBER
 
 
DEKOLONIALWAREN HUBER
  

11.7. – 14.8. Galerie am Platz, Eglisau, Schweiz

In der Ausstellung Dekolonialwaren Huber in Eglisau befasst sich Sasha Huber mit einer neueren Entdeckung aus dem Familienarchiv. Es handelt sich um die Reproduktion einer Fotografie, die ihre Schwester von einer Grosstante väterlicherseits bekommen hat. Zum Erstaunen der beiden Huber-Schwestern sah man darauf den eigenen Urgrossvater Eugen Huber. Er stand auf dem Gehsteig vor seinem Kolonialwarenladen E. Huber an der Forchstrasse 23 in Zürich. Das wurde zur Inspiration für die aktuelle Ausstellung und in den Kontext von Sasha Hubers Arbeit gestellt. Heute findet sich im selben Ladengeschäft die Papeterie Fischer AG. Auf dem alten Bild sieht man an der Fassade Werbeschilder der Schokoladen-Fabrik Suchard und zwei grosse Schaufenster mit den Aufschriften Touristen Proviant und Wein & Spirituosen. Im Innenraum sieht man verschiedene Kolonialwaren aus fernen Ländern ausgestellt. Im Gespräch mit Hans Fässler über diese Foto tauchte eine überraschende Parallele auf. Fässler hatte eine Grosstante namens Anna, welche im Weiler Störgel (Gemeinde Stein AR) einen Kolonialwarenladen führte. Fässler ist mittlerweile mit einer derartigen Fülle von Überraschungen und Zufällen konfrontiert, dass er sich diese so erklärt: Die Kolonialgeschichte oder besser – geologisch ausgedrückt – die Kolonialschicht hat eine derartige Mächtigkeit im geografischen (fünf Kontinente) und zeitlichen (fünf Jahrhunderte) Sinn, dass man immer wieder darauf stossen muss. Fast überall, so Fässler, kommt, wenn man etwas an der Oberfläche kratzt, eine Spur der kolonialen Geschichte hervor. Oder, um ein Motto aus den 1980er-Jahren zu verwenden, als es eine gewisse Rückbesinnung von der Weltgeschichte zur lokalen Geschichte gab: Grabe, wo du stehst, und du findest koloniale Scherben!


Der Begriff Kolonialwaren lädt zum Nachdenken ein und ist auch längst Gegenstand anti-rassistischer und dekolonialer Debatten geworden. Soll er verschwinden und verbannt werden wie das N-Wort und das M-Wort? Oder soll man ihn gerade betonen, um an Ausbeutung und Zwangsarbeit im transatlantischen Kontext zu erinnern? Soll man die Migros dafür kritisieren (wie letztes Jahr geschehen), dass es noch ein Sortiment Kolonialwaren gibt, oder soll man – wie der Freiburger Agassiz-Spezialist Hans Barth vorgeschlagen hat – den Begriff ausweiten und Schokolade, billige Textilien und elektronische Geräte in einem Sortiment Neokolonialwaren zusammenfassen, um so eine verhängnisvolle Kontinuität zu thematisieren? Wie kann man der weissen schweizerischen Mehrheitsgesellschaft klar machen, dass gewisse Begriffe, Bilder und Darstellungen für Schwarze Menschen und People of Colour verletzend sein können, egal mit welcher (guten oder harmlosen) Absicht sie entstanden sind?


Sasha Huber möchte mit der Skulpturen-Serie No Mohr diese Auseinandersetzung aufnehmen und stellt die Frage, ob etwa beim Verzehr von mit Schokolade überzogenen Eiweiss-Süss-Speisen nicht symbolisch ein Element von umgekehrtem Kannibalismus mitspielt. Weisse Menschen essen ohne nachzudenken die Köpfe von Schwarzen? Bezeichnenderweise war (realer oder häufiger: imaginierter) Kannibalismus in Afrika im Zeitalter von The White Man's Burden (Kipling) eine klassische Rechtfertigung für die Eroberung und Kontrolle des schwarzen Kontinents, dessen Einwohnerinnen und Einwohner man unbedingt die Zivilisation bringen musste.


Die No Mohr-Serie besteht einerseits aus Holzskulpturen, andererseits aus handgemachten Seifen aus Kohle. In der Werbung wurden Seifen bis in jüngste Zeit mit Reinheit und Weisssein, und Schwarz oder Braun mit Schmutzigkeit in Verbindung gebracht, wie die Historikerin Patricia Purtschert im Buch Kolonialität und Geschlecht im 20. Jahrhundert gezeigt hat.

Ergänzend zeigt Sasha Huber zum ersten Mal eine Reihe von Musik-Zeichnungen und -Bilder, welche die Künstlerin wortspielerisch Drawn to Music nennt (zu Musik gezeichnet / zur Musik hingezogen). Es sind Werke, die sich mit dem Konsum von Black-Music befassen und entstanden sind, während sie bestimmte Lieder hörte, die sich inhaltlich mit dem Thema der Ausstellung befassen. Sie hat dafür eine Song-Playlist zusammengestellt, die man in der Galerie zu hören bekommen wird.